Notes / Essays / Letters

1. Die Guten sind auch schlecht 

 

Anpassung war ein großes Thema für meine Eltern, und vor allem, wenn mir Autoritäten ungerecht und vorurteilshaft begegneten, beschämte ich sie, in dem ich als Kind nicht freundlich reagierte. Es gab einen Instinkt, der mir noch oft Ärger einbringen sollte, gewisse Grenzüberschreitungen nicht wegzulächeln. Ich wollte in die Gemeinschaft aufgenommen werden, aber nicht weil ich freundlicher war als alle anderen, sondern weil ich ein Recht hatte da zu sein, das konnte ich damals natürlich noch nicht formulieren.

 

Auf meinem linken Gymnasium hatte ich eine Deutschlehrerin, die ich hier namentlich nennen möchte: Frau Müller-Berghüser. Sie trat während des Diktats in der fünften Klasse vor meinen Tisch und artikulierte für mich die Wörter überdeutlich; dabei klatschte sie jeden Satz rhythmisch vor. Zuvor sprach sie den gleichen Satz ganz normal aus, für alle anderen.

 

Ich konnte nicht mehr schreiben.

 

Im Lehrerzimmer herrschte Einigkeit darüber, dass mit mir etwas nicht stimmte; ich schrieb nicht mit und machte ständig Witze. Schlechte Witze, fanden die Lehrer und manche Mitschüler. Meiner Mutter wurde nahe gelegt, mich auf die Sonderschule zu schicken, doch fiel der Intelligenztest, den ich dafür machen musste, zu gut aus. Amtlich war also mit meinem Kopf alles in Ordnung.

 

Mit dieser Gewissheit und Rachegefühlen gegenüber Frau Müller-Berghüser wechselte ich an eine christlichen Privatschule, wo ich kein Problemkind mehr war, das besonderer Fürsorge bedarf. Nach und nach renkte sich mein Körper und Gesicht ein, vorher war ich eine traurige Gestalt. So lernte ich früh, dass nicht alle Linken toll und alle Konservativen doof sind. In meiner Welt war es zunächst umgekehrt. Ich liebte den Deutschunterricht bei Frau Wagner, einer strengen, blassen Frau, die Woyzeck und Faust mit uns las. Diese Kombination aus kalter Umgebung und für mich unerhörten Texten brachte mein Herz zum Überlaufen und kurbelte meinen Verstand an: Einser-Abitur, nur leider hat’s Frau Müller-Berghüser nie erfahren.

 

Die Guten sind auch schlecht und die Schlechten sind auch gut. Frau Müller-Berghüser, Frau Wagner. Und was wäre passiert, wenn die dreizehnte Fee in Dornröschen nicht ausgeladen worden wäre, sondern mit den zwölf anderen Feen am Tisch gesessen hätte?